Sind die Deutschen Homeoffice-Müde?

Auch wenn nicht alle dem Ende der Homeoffice-Pflicht im vergangenen Juli entgegengefiebert haben, so waren doch die meisten Arbeitnehmer froh, wieder an die Schreibtische im Büro zurückkehren zu können. Sicher, Homeoffice würde weiterhin ein Thema bleiben, aber jetzt hatte man wieder die Wahl, konnte zu Hause ODER im Büro arbeiten. Alles schien perfekt. Und da der Impfstoff nun in ausreichender Menge zur Verfügung steht, war an einen weiteren Homeoffice-Winter nicht zu denken. So dachte man.

In Kürze steht nun die Adventszeit vor der Tür und die Infektionszahlen steigen erneut in schwindelerregende Höhen, wie man sie selbst vor dem Lockdown nicht erlebt hat. Die Krankenhäuser füllen sich besorgniserregend und immer wahrscheinlicher wird, dass neben 2G oder 3G-Regelungen auch Kontaktbeschränkungen notwendig werden können, wann immer das möglich ist. Homeoffice kann dazu beitragen, die Übertragungsrate des Virus zu senken und Deutschland auf diese Weise winterfest zu machen und die 4. Welle damit zu brechen.

Wie aber sieht es bei den Arbeitnehmern aus? Sind sie gewillt, einen weiteren Winter überwiegend von zu Hause aus zu arbeiten, um Kontakte zu meiden und das Infektionsgeschehen auszubremsen, oder sind sie es Leid und wollen an ihren angestammten Arbeitsplatz zurück. Wir geben einen Einblick.

Die Studien

Erste Erhebungen der Krankenkassen zeigen, dass die Anzahl der Krankmeldungen im vergangenen Winter deutlich zurückgingen. Dafür gibt es mehrere Gründe: Zum einen senkt die Arbeit im Homeoffice das Ansteckungsrisiko massiv. Zum anderen muss diese Form des Arbeitens aber auf der anderen Seite dafür verantwortlich gemacht werden, dass sich Arbeitnehmer „halb krank“ an den Arbeitsplatz begeben haben. So waren in dem erhobenen Zeitraum Arbeitnehmer*innen weit unter den üblichen 5 Prozent krankgeschrieben.

Logisch erscheinen deswegen die weiteren Daten, die ergeben haben, dass die Atemwegserkrankungen massiv zurückgegangen sind, während Rückenleiden und depressive Verstimmungen zahlenmäßig leicht zugenommen haben. Dies ist als Folge der Pandemie aber auch von der Heimarbeit zu betrachten ist.

Die Zahlen

Nach einer repräsentativen Umfrage durch das Meinungsforschungsinstitut Civey unter 2500 Befragten, die Erfahrungen im Homeoffice sammeln konnten, gaben 44% der befragten Teilnehmer an, dass sie den kommenden Herbst und Winter gerne wieder im Homeoffice arbeiten würden. Im Gegensatz dazu bevorzugen 33% das Arbeiten vom Büro vor Ort aus.

Eine andere repräsentative Umfrage kommt zu dem Schluss, dass lediglich 9% der arbeitnehmenden Bevölkerung strikt gegen die Arbeit in den eigenen vier Wänden ist. Zu vermuten ist, dass es sich hierbei um Alleinlebende handelt, die im Homeoffice kaum die Möglichkeit haben, soziale Kontakte zu pflegen und Gefahr laufen, zu vereinsamen.

Jeder dritte Deutsche rechnet eher damit, dass es einen weiteren Lockdown geben wird. Das scheint die Befragten nicht sonderlich zu verstimmen, denn der überwiegende Teil der Arbeitnehmer, nämlich 63%, empfindet das heimische Arbeiten in der Regel als Bereicherung. Lediglich 22% sehen das nicht so. Während 15% in dieser Frage unentschieden sind.

Anders als vermutet stellt die Aussicht, wieder verstärkt von zu Hause aus zu arbeiten für die Deutschen keine Bedrohung dar. Dafür verantwortlich ist das höhere Maß an Flexibilität und die bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie. So gaben Arbeitnehmer in einer Befragung, die durch das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung durchgeführt wurde, zu mehr als einem Drittel an, dass sie mittlerweile zu anderen Zeiten arbeiten würden als noch vor der Pandemie. Vor allem Eltern verlagerten ihre Arbeitszeiten auf den Abend oder das Wochenende, um stärker für ihre Kinder da zu sein und sie besser betreuen zu können. Auswirkungen auf die Zufriedenheit im Job hatte dies laut den gemachten Erhebungen nicht.

Weiterhin gaben die Befragten an, dass sie das Gefühl hätten, gesünder zu leben, weil sie einerseits länger schlafen konnten, weniger Stress beim Pendeln erlebten und sich gesünder ernährten. Für mehr Zufriedenheit sorgte auch, dass es alle Hausbewohner genossen, mehr füreinander dazu sein und die Familie mehr genießen zu können. Selbstverständlich gilt das nicht für alle Familien, denn durch das permanente Zusammensein steigt die Zahl der Konflikte im familiären Bereich. Dennoch, so ein Kinder- und Jugendpsychologe, ist das Bild nicht so heftig, wie es oftmals gezeichnet wird. In etwa 80% der Fälle sei davon auszugehen, dass Homeoffice und Homeschooling gut funktioniert hätten.

Es kommt hinzu, dass sich mittlerweile die Wohnungen und Häuser den Herausforderungen des gemeinsamen Arbeitens und Lernens angepasst haben. Niemand arbeitet mehr im Schneidersitz auf dem Sofa. Der überwiegende Teil hat sich in einem Office eingerichtet, das selbigen Namen verdient. Durch höhenverstellbare Schreibtische können sich Arbeitsplätze geteilt werden und ergonomische Sitzmöbel sorgen dafür, dass auch längere Arbeitseinheiten rückentechnisch besser überstanden werden können.

Ebenfalls haben Arbeitnehmer besser gelernt, die Pausen einzuhalten, am digitalen Kaffeeklatsch teilzunehmen und sportliche Auflockerungsübungen in den Tag zu integrieren.

Das Fazit

Das lässt den vorsichtig optimistischen Schluss zu, dass die Deutschen nicht müde und überdrüssig am heimischen Schreibtisch arbeiten. Schließlich stellt sich vieles besser dar als im vergangenen Jahr: Es ist ein Impfstoff vorhanden, die Schulen sollen unter allen Umständen offen gehalten werden, sodass Homeschooling derzeit kein Thema ist. Die Menschen sind stärker sensibilisiert und das Homeoffice hat sich als zusätzliche Möglichkeit bewährt, die Infektionszahlen reduzieren zu können. Während zeitgleich Möglichkeiten der Freizeitgestaltung wie Konzerte oder Fußballspiele erhalten werden können.

Die Tatsache, dass Arbeitnehmer der Heimarbeit mit einer positiven Einstellung gegenübertreten ist beruhigend, denn mit den steigenden Zahlen wird auch das Homeoffice in der ein oder anderen Form mit Sicherheit sein Comeback erleben. Zwar wird es aller Wahrscheinlichkeit nach nicht mehr zu einem flächendeckenden Lockdown kommen, aber es werden Maßnahmen ergriffen werden müssen, damit der vierten Welle die Puste ausgeht. Eine dieser Maßnahmen kann das Arbeiten vom heimischen Schreibtisch aus sein.

Die erhobenen Zahlen lassen damit den Schluss zu, dass ein erneutes Arbeiten im Homeoffice den deutschen Arbeitnehmern eher in die Karten spielt, weil sie im vergangenen Jahr offenbar mehrheitlich positive Erfahrung mit der Arbeit in den eigenen vier Wänden sammeln konnten. Anstatt zu einer Homeoffice-Pflicht kann es eher zu einer einvernehmlichen Absprache zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer kommen. Wann immer möglich oder zum überwiegenden Teil wird nicht ins Büro zurückgekehrt, sondern aus der Ferne gearbeitet. Das lässt die Möglichkeiten zu, sich zu besonders dringenden Meetings oder Erledigungen ins Büro zu begeben, aber ansonsten sicher im Homeoffice zu arbeiten.

Die Aussicht auf den Winter 2021/22

Seit Wochen präsentieren die Medien Höchstwerte bei den Infektionszahlen. Zahlen, die wir selbst im lockersten Lockdown im vergangenen Jahr nicht zu Gesicht bekommen haben. In Teilregionen gibt es Inzidenzen, die erschreckend sind und die Lage in den Krankenhäuser spitzt sich mit jedem Tag weiter zu. Das sind die ganz konkreten Aussichten für den kommenden Winter.

Wir müssen uns aller Wahrscheinlichkeit auf einen Flickenteppich an Maßnahmen einstellen, je nach Lage der Dinge und nach den politischen Vorgaben. Das wird aller Wahrscheinlichkeit nach kein absoluter Lockdown mehr sein. Aber es wird hinreichend getestet und konsequent Abstand gehalten werden müssen. Das Arbeiten im Homeoffice kann ein wichtiger Faktor in diesem Flickenteppich sein, um die Maßnahmen im Kampf gegen das Virus zu unterstützen. Beruhigend also, wenn sich Arbeitnehmer in diesem Land gut mit dieser Form der „New Work“ identifizieren können.

Damit das Homeoffice dauerhaft gelingen kann

Vieles kann im zweiten Jahr der Pandemie besser laufen als im vergangenen Winter. Wir müssen wahrscheinlich nicht mehr gleichzeitig arbeiten und die Kinder betreuen. Wir können, falls nötig teilweise in der Präsenzform zusammen arbeiten, da wir nun besser wissen, wie wir uns vor dem Virus schützen können bzw. durch die Impfung besser geschützt sind.

Ebenso können wir die gemachten Erfahrungen reflektieren und Dinge verbessern, die uns im vergangenen Jahr noch Probleme bereitet haben. Wir können uns konsequenter an die Arbeitszeiten halten und Mehrarbeit vermeiden. Irgendwann ist der Arbeitstag vorbei. Das sollten wir konkret festlegen und uns auch daran halten.

Homeoffice ist körperliche Schwerstarbeit und deswegen sollten wir unseren Körper ganz besonders achtsam im Auge behalten. Er braucht regelmäßige Bewegungspausen, kleine Auszeiten und körperlichen Ausgleich, damit es auf Dauer nicht zu viel für Wirbelsäule, Schultern und Nacken wird.

Dafür ist es erforderlich, dass der Arbeitsplatz so ergonomisch wie möglich eingerichtet ist. Das fängt bei den passenden Möbeln an und hört beim richtigen Licht und der korrekten Ausrichtung des Schreibtisches auf. Dieser sollte im rechten Winkel zum Fenster stehen, damit keine störenden Reflexionen entstehen. Der Sehabstand zum Bildschirm sollte zwischen 50 und 75 cm betragen. Er ist dann perfekt, wenn man bei aufrechter Haltung mit dem ausgestreckten Arm und abgewinkelter Hand den Bildschirm berühren kann.

Nicht zuletzt sollte man sich vor digitalem Stress und der permanenten Verfügbarkeit aktiv schützen. Die Pausen sollten folglich frei von elektronischen Geräten verbracht werden und nach Feierabend sollten sämtliche Arbeitsgeräte aus dem Sichtfeld verbannt werden. Wenn man nicht über ein eigenes Büro im Haus verfügt, sollte auf dem Handy konsequent der Nicht-Stören-Modus eingeschaltet werden.

Eine gute Arbeitsatmosphäre liegt dann vor, wenn man als Arbeitnehmer in einen sog. Workflow kommt. In selbigem befindet man sich in einer der Arbeit zugewandten Haltung, kann sich konzentriert seinem Tun widmen und in der Tätigkeit aufgehen.

Kommen wir am Ende noch mal auf die erhobenen Zahlen zurück, lässt sich festhalten, dass dies den meisten Arbeitnehmern in der Vergangenheit schon recht gut gelungen ist, denn nur 9% der arbeitsnehmenden Bevölkerung sind wirklich des Homeoffice’ müde.

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