Ökobilanz von Homeoffice

Im vergangenen Jahr wurden die deutschen Schreibtischtäter von einem Tag auf den nächsten ins Homeoffice geschickt, um damit die weltweite Infektionswelle zu brechen. Laut der Hans-Böckler-Stiftung erledigten im Januar 2021 ca. 38 Prozent aller Beschäftigten ihre Arbeit zumindest an einzelnen Tagen vom heimischen Esszimmerstuhl aus. Bei gutem Wetter auch auf Balkon oder Terrasse.

Spontan befanden die meisten Arbeitnehmer diesen Umstand für gut. Nicht nur, weil sie sich damit selbst vor dem Virus schützen konnten. Es kam zusätzlich der Gedanke auf, dass sich Mutter Erde und das strauchelnde Klima sehr darüber freuen würden, wenn Dienstreisen und lange Arbeitswege nicht mehr erforderlich wären und somit viel CO₂ eingespart werden könnte.

Aber ist das wirklich so? Die Frage nach der Ökobilanz des heimischen Büros ist durchaus berechtigt und wir wollen ihr an dieser Stelle nachgehen. Nicht zuletzt, weil zumindest Anteile des Homeoffice bleiben werden, auch wenn die Menschheit das Virus endlich im Griff hat.

Wie positiv ist die Ökobilanz des Homeoffice?

Nach kurzem Überlegen würde man die Frage nach der Nachhaltigkeit entschlossen mit einem einfachen Ja beantworten. Bei 64,5 % der Arbeitnehmer, die von Zuhause zum Arbeitsplatz pendeln, kommen mit Sicherheit eine Menge an CO₂-Emmissionen zustande. So oder ähnlich posaunen es auch die Umweltverbände in die Welt. Greenpeace z. B. wäre unbedingt dafür, einen Teil der Arbeitnehmer auf Dauer von zu Hause aus arbeiten zu lassen. Damit ließe sich viel Energiemobilität einsparen. Sie könnte um ca. 36 Milliarden Kilometer reduziert werden, wenn 450.000 Menschen der Telearbeit nachgingen. Das brächte eine Ersparnis von 100.000 Tonnen CO₂ pro Jahr. Das könnte unseren Planeten doch aufatmen lassen.

Hinzu kommt, dass Büros eine Menge Abfall produzieren und Ineffizienzen erzeugen. Es werden viele Arbeitsplätze eingerichtet und betrieben. Unternehmen halten teils riesige  Gebäudekomplexe für ihre Mitarbeiter vor, die Energie in der Endlosschleife verbrauchen. Nicht alle Bauten sind saniert und können daher umweltfreundlich betrieben werden.

All das verlockt zu der Annahme, dass der vor dem eigenen Rechner agierende Arbeitnehmer kein Klimasünder ist und sich unsere Erde in absehbarer Zeit von ihren Belastungen erholen kann. Leider ist dieser zuerst geworfene Blick zu ungenau, denn, die vorgebrachten Argumente beleuchten lediglich einen Teilaspekt der Problematik.

Der Standort macht die Musik

Die Umgebung des Unternehmens ist einer der wichtigsten Faktoren bei der Entscheidung, ob Remote-Arbeit sinnvoll ist oder nicht. Nicht jeder Berufspendler macht sich mit einem klimaschädlichen Verbrenner auf den Weg zur Arbeit. In Großstädten ist es zum Beispiel wahrscheinlicher, dass gemeinsam nutzbare Transportmittel zur Verfügung stehen, die den CO₂-Fußabdruck der Pendler reduzieren können. Sind die Mitarbeiter eher ländlich verortet und haben eine lange Fahrt vor sich, die sie täglich auch noch im Stau ausbremst, könnte es sinnvoll sein, sie einen Teil der Zeit von zu Hause aus arbeiten zu lassen. Das spart Arbeitnehmern Kosten für eine Fastfood-Ernährung, Verkehrsmittel und Kleidung, was einige Liter Benzin, Chemikalien und To-Go-Becher sind.

Kommunikation kostet CO₂ – so oder so

Anstatt kurz über den Gang zum Kollegen zu laufen oder gemeinsam das Konferenzzimmer aufzusuchen, kommuniziert der Telemitarbeiter elektronisch und das verbraucht eine Menge Cyberstrom. Digital tauscht er sich ständig mit seinem Team aus und hängt mehr oder weniger große Dateien an seine Mails, die über diverse Rechenzentren laufen. Die wiederum stehen irgendwo auf dem Planeten und werden nicht notwendigerweise mit Ökostrom betrieben.

So hat der britische Umweltforscher Berners-Lee herausgefunden, dass der Versand eines einfachen elektronischen Briefs, der durch das weltweite Netz jagt, ca. vier Gramm CO₂-Äquivalente produziert. Hängt man noch die ein oder andere üppige Präsentation oder Bilddatei dran, ist man schnell bei 50 Gramm. Damit kommt er zu dem Schluss, dass 30 solcher Mails so klimatoxisch sind, als würde ein Pendler 17 Kilometer mit einem klimafreundlichen Auto zur Arbeit fahren.

Noch übler wird es, wenn man einen Blick auf die permanent stattfindenden Videokonferenzen wirft, die täglich in der Arbeitswelt durchgeführt werden. Um die Frage zu beantworten, ob man sich besser virtuell oder persönlich trifft, kommt es entscheidend darauf an, ob und mit welchen Transportmitteln zu diesen Meetings angereist werden müsste. Sind die Teilnehmer eher nah zusammen, bietet sich der Konferenzraum an. Steht jedoch ein innerdeutscher oder gar internationaler Flug an, punktet die Videokonferenz. Denn, das wurde durch einen IT-Experten herausgefunden, entstehen bei Online-Meetings, die nur zwei Mitarbeiter an 250 Tagen im Jahr miteinander haben, CO₂-Emissionen als würde o. g. Fahrzeug rund 500 Kilometer zurücklegen. Ebenfalls keine Peanuts.

Energiebedarf am Heimarbeitsplatz

Der steigt selbstverständlich. Das Arbeiten im Homeoffice sorgt dafür, dass der gesamte Energiebedarf vor Ort ansteigt. Laut dem Vergleichsportal Verivox um vier Prozent allein im Bereich der Heizwärme. Ist man öfter und länger zu Hause gilt das natürlich auch für die Stromkosten. Die Lichter brennen häufiger und auch Herd und Backofen werden vermehrt angeworfen.

Gleichzeitig ist zu vermuten, dass die Heizungen in den Büros nach wie vor weiterlaufen. Ein Teil der Belegschaft ist ja immer mal wieder, oder wenn es sich um die Produktionsabteilung handelt,  permanent vor Ort.

Auch die Ernährung spielt eine Rolle

Wenn dieser Teilbereich durch die Wissenschaft noch nicht komplett durchleuchtet ist, so liegt doch auch bei der Frage der kulinarischen Verköstigung der Heimarbeiter sehr wahrscheinlich auf der Hand, dass die Energieanteile ansteigen. Schätzungen zufolge ernähren sich ca. 18 Millionen Menschen in der Betriebskantine. So eine moderne Großküche verschwendet wenig Lebensmittel und arbeitet ziemlich effizient. Stellt man sich nun den hungrigen Arbeitnehmer zu Hause vor, der eigens für sein Mittagessen in den Einkaufsmarkt fährt, allein für sich die Küche zum Glühen bringt, oder gar den Lieferdienst kommen lässt, kann von Effizienz nicht mehr die Rede sein.

Homeoffice allein punktet nicht automatisch

Diese Erkenntnis liegt nach über einem Jahr Homeoffice auf dem Tisch. Die Form der Arbeit alleine wird die Ökobilanz nicht verbessern und den Klimawandel nicht ausbremsen. Es reicht nicht aus, einfach von zu Hause zu arbeiten und damit das Häkchen an die Nachhaltigkeit zu setzen. Es kommt auf die kleinen Unterschiede an, die diskutiert werden müssen.

Unternehmen und Arbeitnehmer müssen sich Gedanken darüber machen und festlegen, wie die Menschen zur Arbeit kommen, welche Geräte sie verwenden und welche strukturellen Änderungen Unternehmen vornehmen müssen, um die Auswirkungen des Homeoffice auf die Umwelt zu reduzieren. Dafür braucht es Flexibilität auf beiden Seiten. Damit die Belegschaft nachhaltig von zu Hause aus arbeiten kann, müssen sie mit den den Unternehmen zusammenarbeiten und teils individuelle Lösungen entwickeln.

Maßnahmen für ein nachhaltigeres Homeoffice

Auf Seiten der Arbeitnehmer

Während der Standort vom Unternehmen abhängt, kann der einzelne Mitarbeiter eine Menge tun, um die Arbeit in seinem Heim nachhaltiger zu gestalten. Intelligente Ladegeräte und Dimmschalter können zum Beispiel den Stromverbrauch reduzieren. Arbeitnehmer, die ihr Zuhause bereits mit Sonnenkollektoren oder passiver Heizung ausgestattet haben, sind ebenfalls besser in der Lage, den Wechsel zur Fernarbeit zu vollziehen, ohne auf Nachhaltigkeit zu verzichten. Auch der Wechsel zu einem umweltfreundlicheren Energieanbieter könnte eine Lösung sein, um die Kohlenstoffemissionen zu reduzieren.

Remote-Mitarbeiter sollten sich darauf konzentrieren, den Papierverbrauch zu minimieren,   auf recyceltes Papier zurückgreifen und wann immer möglich, gebrauchte oder energieeffiziente Geräte kaufen. Viele Bürogeräte sind mittlerweile mit diversen Energie-Zertifizierungen ausgezeichnet, was bedeutet, dass sie weniger Treibhausgase ausstoßen. Vielleicht ist ein generalüberholtes Gerät weniger effizient, aber mit dem Erwerb eines solchen Gerätes lässt sich Elektronikabfall vermeiden. Unter Umständen besteht die Möglichkeit, moderne Cloud-Lösungen zu nutzen, so dass der einzelne Mitarbeiter gar nicht in den eigenen vier Wänden zum Drucker greifen muss.

Ähnliches gilt für die Müllvermeidung. Wer an der Heimadresse quasi sein eigenen Büro betreibt, hat selbst ein persönliches Interesse daran, nicht so viel Müll zu produzieren und sorgfältiger mit den Ressourcen umzugehen. Allein schon weil sie nicht dauerhaft zur Verfügung stehen. Im Büro beispielsweise gibt es das ganze DIN A4-Papier, Stifte und sonstigen Büromaterialien in Hülle und Fülle umsonst. Zu Hause greift man zu den eigenen Utensilien und geht zwangsläufig weniger verschwenderisch damit um.

Wer sich mit dem Gedanken trägt, in den eigenen vier Wänden einen eigenen Raum als Büro einzurichten, sollte beim Kauf der Möbel auf umweltfreundliche Ware setzen. Dazu zählt, dass man qualitativ hochwertige Produkte erwirbt, die eine lange Lebensdauer haben. Ebenso sollte man beim Kauf auf nachhaltig produzierte Schreibtische und Bürostühle achten. Zwangsläufig wird man sich für flexible und multifunktionale Möbel entscheiden. So bietet sich z. B. eher ein höhenverstellbarer Schreibtisch an, an dem ebenfalls der Partner oder die Partnerin arbeiten oder auch mal das Kind die Hausaufgaben erledigen kann.

Auf Seiten der Arbeitgeber

Viele Unternehmen fördern schon seit langem nachhaltiges Verhalten. War es früher eher  die Investition in Radfahrpläne zur Arbeit oder die finanzielle Unterstützung bei Monats-oder Jahreskarten für öffentliche Verkehrsmittel muss jetzt vielleicht in eine andere Richtung gedacht werden. Alternativen könnten eventuell ein Beitrag für Solarpaneele, einen Ökostrromtarif oder eine bessere Isolierung sein.

Fazit

Zum gegenwärtigen Zeitpunkt ist die Arbeit im Homeoffice nicht per se mit einer positiven Ökobilanz in Einklang zu bringen. Dafür sind viele Umstände noch zu unausgegoren, was aber auch kein Wunder ist. Schließlich wurden die meisten Unternehmen samt der Belegschaft durch die Pandemie ins kalte Wasser der Telearbeit geworfen. Diese Situation kann aber ein guter Ausgangspunkt sein, um die Bilanz zu verbessern und das Homeoffice nachhaltiger werden zu lassen.

Jede Entscheidung, die in diesem Zusammenhang getroffen wird, hat eine Auswirkung auf die Umwelt. Wenn es aber gelingt mit der Zeit individuelle und nachhaltige Arbeitspraktiken auf den Weg zu bringen, kann das Homeoffice (in Teilbereichen) einen bedeutenden Einfluss auf die Gesundheit des Planeten ausüben.

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